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Dekadenz: Die Flucht in’s Verderben [kurz]
Wenn ich mir heutzutage anschaue, wie Menschen ihr Leben führen und es vergleiche zu den Menschen der Urzeit, fällt mir besonders auf, dass Letztere vor allem “greifbarer” zu Werke gingen. Sie nahmen Dinge in die Hand, feilten, spitzten, jagten, erlegten, rannten und kamen erschöpft nach Hause. Der körperliche Schwerpunkt des damaligen Lebens ist nicht von der Hand zu weisen, genauso wenig wie der zentrale Kampf um‘s Überleben.
Der Mensch von heute ist nicht hundertprozentig das Gegenteil, aber einige Exemplare kommen sehr nah ran. Für nahezu alle Beschäftigungen benutzen wir Werkzeuge, die vor allem in der heutigen Informations- bzw. Wissenstransfergesellschaft aus abstrakten Dingen wie Computernetzwerken, Software und binären Einheiten bestehen. Existentielle Nöte kennt man heute nur, wenn man einen Ausschluss aus der Gesellschaft befürchten muss - der “Abstieg” in Hartz IV ist wohl solch ein Grund dafür.
Was heute als Gefahr, Not, Angst oder Bedürfnis empfunden wird, ist jedoch fern von der Vorstellungen des Neandertalers und dessen Vorfahren. Statt sich darüber zu freuen, dass man am Leben ist und dieses in mitteleuropäischen Kreisen ziemlich unbeschwert genießen kann, wird ein Kraftwerk des Kommerzes in Gang gebracht, das um ein Vielfaches mehr den “Glückslevel” steigern will. Was damals das darwinistische “Fressen und Gefressen werden” war, ist heute das käufliche Erwerben und Erworben werden.
Statt Dinge zu tun, um über sich selbst hinauszuwachsen, geht es oftmals um einen hohen Rang in der Gesellschaft (Prestige bzw. Medienpräsenz) und/oder Geld. Beides ist Gift für die Gesellschaft. Gleichzeitig stellen sie aber auch die wohl wichtigsten Antriebsfedern von Menschen heutiger Zeit dar. “Außen hui, innen pfui” klingt so banal, ist aber wohl die kürzeste Umschreibung der modernen Sozialstruktur.
Grund vielen Übels ist überzogenes Ich-Tum und Selbstüberschätzung gepaart mit verräterischer Idealzerstörung. Betroffene Menschen mit diesen Symptomen sollten sich merken: “Du bist nicht so wichtig.” *
* Vater, Sohn und Männlichkeit, Richard Rohr, 2001 (Innsbruck)
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